Die Corona-Pandemie zwingt viele Länder in einen zweiten Lockdown. Vor allem Kinder trifft das erneut hart. So haben Kindergärten und Schulen (die Oberstufe ausgenommen) zwar geöffnet, Freizeit-Angebote fallen jedoch der neuerlichen Verordnung zum Opfer. „Social Distancing“ ist gelebter Alltag. Freunde sind bloß noch begrenzt besuchbar. Eltern und andere Bezugspersonen stehen erneut vor der Herausforderung, mit ihren Kindern über diese möglicherweise belastende Situation zu sprechen oder im Worst-Case eine mehrtägige häusliche Quarantäne zu organisieren. Viele von ihnen haben Angst. Das bekommen dann sogar die Kleinsten mit. „Schon Babys reagieren sehr sensibel auf die Stimmungslage ihrer Eltern“, erklärt Psychologin Martina Schneider im Interview.

Was sind die Herausforderungen dabei, ein Kind während der Corona-Krise großzuziehen?

Eine Herausforderung ist sicherlich, den Kindern trotz der Corona-Pandemie eine gewisse Normalität zu vermitteln und strukturierte und sichere Rahmenbedingungen für die Gestaltung des Alltags zu schaffen. Mitunter kommt noch Homeoffice dazu oder der Wegfall externer Betreuungsangebote (Kindergarten, Schule), was wiederum zu einer Doppelbelastung führt und eine völlig neue Alltagsorganisation erfordert.

Zudem stellt die Corona-Krise viele Eltern vor existenzielle Schwierigkeiten (z. B. durch Jobverlust), die zu Stress und Belastungen führen. Aber auch beengte Wohnverhältnisse, wo Rückzugsmöglichkeiten fehlen, sowie der Wegfall von familiären Unterstützungssystemen (Großeltern, Tanten, Onkel etc.) und eigene Ängste in Bezug auf die Krankheit führen zu Überlastung und Anspannung. Dieser Stress überträgt sich natürlich auch auf die Kinder, die oft sehr feinfühlig sind und auf die Stimmungslage der Eltern selbst mit Anspannung reagieren.

Ab welchem Alter bekommen Kinder mit, dass etwas anders ist als normalerweise?

Kinder merken schon sehr früh, wenn sich in der Gestaltung des Alltags oder in der Art und Weise, wie sich Eltern verhalten, etwas ändert. Auch Babys reagieren schon sehr sensibel auf die Stimmungslage ihrer Eltern und antworten auf Stress im Familiensystem selbst mit Anspannung, Weinerlichkeit, schlechtem Schlaf etc. Änderungen im Verhalten und in der Gestaltung des Alltags bekommen Kinder natürlich auch schon relativ früh mit. Wenn Kinder z. B. am Spielplatz nicht mehr auf andere zugehen sollen oder sie die Großeltern nicht mehr sehen können. Es ist daher wichtig, Kindern in ruhiger Atmosphäre, kindgerecht zu erklären, was gerade passiert und warum das wichtig ist.  Kinder verstehen oft viel mehr als wir ihnen zutrauen.

Woran merken Eltern, ob ihr Kind leidet?

Zum Beispiel, wenn sich Kinder stark zurückziehen oder aber auch viel Nähe suchen, besonders anhänglich sind; wenn sie gereizter oder ängstlicher sind als sonst oder auch bei jüngeren Kindern, wenn sie wieder auf eine frühere Entwicklungsstufe zurückfallen (z. B. Daumenlutschen, Einnässen).

Was hilft Eltern in dieser Situation besonders? Was kann sie momentan stärken?

Darüber reden schafft Entlastung und vermittelt das Gefühl: „Ich bin nicht allein.“ Ein Gespräch ermöglicht außerdem, die Dinge aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen und vielleicht kommt man dadurch auf Lösungen, die man selbst noch nicht bedacht hat.

Auch Ängste und Sorgen mit dem Partner zu teilen, ist wichtig. Denn nur so kann man einander unterstützen und gemeinsam Lösungen finden.

Zudem ist es gerade in belastenden Zeiten wichtig, gut auf sich zu achten und im Alltag kleine Selbstfürsorge-Momente einzubauen. Das kann z. B. eine 5-Minuten-Entspannungsübung sein, eine heiße Tasse Tee abends oder eine halbe Stunde online Yoga machen. Während sich Eltern meist sehr viel um die Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern, nehmen sie sich für sich selbst keine Zeit mehr. Oder man ist abends einfach zu erschöpft und schafft es nur noch eine Folge auf Netflix anzusehen. Vielleicht hilft ein Gespräch mit dem Partner, wie man einander kleine Auszeiten verschaffen kann. Oder man nimmt sich ganz bewusst abends, wenn die Kinder im Bett sind, Zeit für sich selbst, um Kraft aufzutanken.

Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn ihr Kind Angst vor Corona hat?

Eltern sollten sich für die Ängste und Sorgen ihrer Kinder Zeit nehmen, ihnen aufmerksam zuhören und damit Raum geben. Es ist wichtig, dass sich die Kinder jemandem anvertrauen können, ernst genommen werden und nicht das Gefühl haben, mit ihren Ängsten alleine zu sein. Kinder und Jugendliche können auch von den Eltern ermutigt werden, aktiv den Kontakt zu ihren Freunden (z. B. über Sykpe) zu suchen.

In Bezug auf das Corona-Virus ist es außerdem wichtig, den Kindern die Situation ehrlich, aber kindgerecht zu erklären und über die Maßnahmen aufzuklären. Kinder haben genauso ein Recht darauf zu wissen, was gerade vor sich geht. Gleichzeitig kann auch auf spielerische Art und Weise erklärt werden, wie man sich schützen kann (vielleicht mit einem Händewasch-Song etc.).

Wenn Kinder und Jugendliche sehr stark belastet sind, dann sollte auch professionelle Hilfe von den Eltern in Betracht gezogen werden.

Wie kann ich mir als Elternteil eine Auszeit schaffen, auch wenn aktuell alle daheim sind? Wie können Partner einander unterstützen?

In einem ersten Schritt ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse auch dem Partner gegenüber zu äußern. So können gemeinsam Lösungen überlegt werden, wie zumindest ein Teil davon erfüllt werden kann. Wenn z. B. der Wunsch besteht, eine halbe Stunde für sich zu sein, kann der Partner mit den Kindern eventuell nach draußen gehen oder er/sie nimmt die Kinder zum Einkaufen mit. 

Gerade abends, wenn die Kinder im Bett sind, ist für viele Eltern Paarzeit. Solche Zeiten bewusst für sich als Paar zu nehmen, kann helfen, einander zu stärken und über die eigenen Ängste und Sorgen zu sprechen.

Aber auch, wenn Eltern alleine mit den Kindern zu Hause sind, ist es wichtig sich Freiräume zum Auftanken zu verschaffen. Es darf auch mal „Faulenzertage“ geben, wo die Kinder vielleicht die eine oder andere Kindersendung ansehen dürfen (vielleicht auch mal etwas länger als sonst) und man nimmt sich dafür etwas Zeit für sich. Oder man kocht nicht das gesunde Abendessen, sondern nur Grießbrei oder Pommes Frites. Sich das zu erlauben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ist für viele Eltern entlastend und nimmt enorm viel Druck.

Wie lässt sich arbeiten, während die Kinder bespaßt werden wollen? Verstehen Kinder, dass man sich nicht ständig um sie kümmern kann?

Parallel Homeoffice und Kinderbetreuung zu haben, ist je nach Alter der Kinder nur sehr schwer möglich. Gerade jüngere Kinder benötigen viel Aufmerksamkeit und verstehen nicht, warum Papa oder Mama nicht mit ihnen spielen kann, wenn er/sie doch zu Hause ist. Trotzdem ist es wichtig, den Kindern ernst und bestimmt die Situation zu erklären, z. B.: „Mama muss jetzt noch ein paar wichtige Dinge für die Arbeit erledigen, aber danach komme ich zu dir und wir spielen gemeinsam.“ Natürlich sollte das dann aber auch wirklich so passieren und die versprochene Spielzeit nicht im Arbeitsstress wieder untergehen.

Was raten Sie Eltern, wie sie jetzt am besten die Nerven bewahren?

Am Besten tief durchatmen, sich bewusst machen, dass es nur eine begrenzte Zeit dauern wird und danach wieder ein Stück mehr Normalität möglich sein wird. Auch wichtig: sich nicht in eine Abwärtsspirale hineinziehen lassen (z. B. durch zu viel Medienkonsum oder Social Media), sondern eher überlegen, was und vor allem wer tut mir gut. Gerne empfehle ich, zu versuchen, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Oft sind wir mit uns selbst wesentlich strenger als wir das mit anderen wären. Auch wenn man einmal die Geduld verliert oder das Gefühl hat, mit allem überfordert zu sein, ist es gut zu überlegen, wie würde man in der Situation einer Freundin oder einem Freund Mut zusprechen? Diesen Umgang sollten wir dann auch mit uns selbst pflegen: mitfühlend und verständnisvoll.


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