Am Tag nach dem islamistischen Attentat in der Wiener Innenstadt ist die Bevölkerung dazu angehalten, zu Hause zu bleiben und unnötige Wege zu vermeiden. Die Angst sitzt bei vielen Wienern tief. Wie reagieren Eltern in so einer Situation richtig? Soll man das Terrorattentat vor Kindern verschweigen? Kleinreden? Ablenken? Ich habe Psychologin Martina Schneider dazu befragt.

Wie spricht man mit Kindern über etwas, wofür man selbst kaum die geeigneten Worte findet, geschweige denn Erklärungen hat?

Es ist natürlich auch für uns Erwachsene nicht zu fassen, wenn jemand eine solche Tat verübt. Auch wir sind betroffen, schockiert, finden keine Worte und schon gar keine Erklärungen. Dennoch ist es wichtig, auch mit Kindern darüber zu sprechen. Ihren Fragen Raum zu geben und ihnen zu erklären, was gerade vor sich geht. Dabei muss man natürlich beachten, die Kinder nicht mit zu viel Information zu überfordern und zu erkennen, wieviel gerade zumutbar ist. Das merkt man z. B. daran, wenn Kinder nach einer Antwort nicht mehr nachfragen, wenn es ihnen als Erklärung genügt. Zu lange Gespräche, in denen viel erklärt wird, können je nach Alter unter Umständen dazu führen, dass die Angst und Verunsicherung bei Kindern sogar steigt. Kinder wollen aber eben auch nicht angelogen werden (auch wenn die Motivation der Eltern ist, das Kind zu schützen). Meist spürt man aber ganz instinktiv, wieviel und in welchen Worten für sein Kind gerade gut zu verarbeiten ist.

Aber manchmal hat man selbst auch keine Erklärung, dann kann man das genau so den Kindern sagen.

Was wollen Kinder denn überhaupt wissen?

Zum Teil ist das schon beantwortet. Je nach Alter ist das natürlich ganz unterschiedlich. Vielleicht hat ein Kind das Wort „Terrorist“ im Radio oder im Gespräch der Eltern aufgeschnappt und möchte dann natürlich wissen: „Mama, was ist ein Terrorist?“. Vielleicht interessiert aber auch der Hintergrund der Tat: „Warum hat der Mann all die Leute umgebracht?“ etc. Jugendlich möchten vielleicht schon mehr einbezogen werden und mitdiskutieren, interessieren sich möglicherweise auch für die psychologischen und politischen Hintergründe. Dennoch ist es immer wichtig, das richtige Maß an Informationen zu finden. Ein guter Weg dafür ist, sich an den Fragen der Kinder zu orientieren, indem diese je nach Alter kindgerecht beantwortet werden.

Darf man seinen Kindern die Sondersendungen im Fernsehen zumuten?

Das ist natürlich auch sehr abhängig vom Alter. An sich finde ich, dass Sonderberichterstattungen mit teilweise sehr beängstigenden Bildern für Kinder nicht geeignet sind. Auch ältere Kinder sollten, wenn dann nur gemeinsam mit den Eltern, diese Berichte ansehen, um gleich auf etwaige Ängste und Fragen eingehen zu können. Kinder komplett von den Geschehnissen fernzuhalten (indem z. B. die Kinder auf ihr Zimmer geschickt werden, wenn darüber gesprochen wird) oder die Sendungen heimlich anzusehen, ist allerdings auch nicht zielführend. Wenn man versucht Kinder von allen Nachrichten fernzuhalten, entwickeln sie vielleicht eigene Vorstellungen oder besorgen sich die Bilder heimlich (z. B. über Youtube). Dann kann man als Elternteil mitunter nicht mehr kontrollieren, welche Informationen sich Kinder geholt haben, da es ja heimlich stattfinden musste. Auch die Fantasien, die Kinder entwickeln, können heftiger oder beängstigender sein als die Realität.

Wenn Kinder einen Bericht nicht ansehen dürfen, dann sollte man ihnen als Eltern erklären, warum sie das jetzt nicht dürfen. Allerdings gilt auch hier: nur wenn sie danach fragen.

Wenn ein Kind große Angst hat? Wie kann man ihm Sicherheit geben?

Indem man mit ihm darüber spricht. Kindern den Raum geben, die eigenen Ängste auszusprechen und Fragen zu stellen, hilft ihnen, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen. Sie bekommen natürlich mit, wenn etwas Schlimmes passiert. Alle reden darüber, sie hören Fetzen aus Radio und Fernsehen etc. Sie damit aufzufangen, durch Information und ihnen mit Ehrlichkeit zu begegnen, gibt ihnen Sicherheit.

Wie sollen Mütter und Väter mit ihren eigenen Ängsten umgehen?

Auch wir Erwachsenen tun uns schwer, mit solchen Geschehnissen umzugehen. Auch uns wirft es aus der Bahn und es entstehen Ängste, Fantasien, Bedrücktheit etc. Es ist wichtig, auch uns selbst damit Raum zu geben. Vielleicht helfen Gespräche, vielleicht tut es mal gut, sich nicht abzulenken, sondern in sich hineinzuspüren, um das Gefühlchaos zu ordnen. Zudem halte ich es ebenfalls für sinnvoll, den Medienkonsum (auch wenn man natürlich informiert bleiben möchte) auf das Wesentliche zu beschränken. Es braucht nach der ersten Schockphase dann auch wieder die Möglichkeit, gedanklich davon etwas Abstand zu gewinnen, um sich mit den Gefühlen auseinanderzusetzen, die das Ereignis ausgelöst hat.

Wenn jemand allerdings große Angst hat oder sich mit der Situation sehr überfordert fühlt, dann kann ein professionelles Gespräch helfen, um die Geschehnisse für sich einordnen zu können.

Ist es in Ordnung, nach solchen Ereignissen einem Kontrollbedürfnis nachzugeben oder sollen Eltern die Kinder trotzdem alleine losziehen lassen?

Ich denke, was man den Kindern vorher an Freiräumen zugetraut hat, sollte man auch nach einem solchen Ereignis tun. In den ersten Tagen danach wird man sich vielleicht mehr zusammenfinden, das Kind in die Schule begleiten etc. Vor allem, wenn Ängste da sind, aber mit der Zeit sollte dann wieder Normalität einkehren dürfen. Wir wollen ja auch weiterhin unseren Kindern vermitteln, dass wir prinzipiell in einer Welt leben, in der sie sich sicher fühlen können und ihnen auch ermöglichen, sich selbstsicher und selbstständig in ihr zu bewegen. Was ich allerdings sehr wichtig finde ist, mit Kindern zu besprechen und auch zu üben, wie sie sich im Notfall verhalten sollen. Also welche Notrufnummern kann ich wählen, was mache ich, wenn das und das passiert, wo kann ich mir Hilfe holen etc.


Falls Fragen oder Ängste auftauchen, die innerhalb der Familie nicht geklärt werden können, hier eine Übersicht der wichtigsten Telefonnummern:

  • Rat auf Draht: 147
  • Kinderschutzzentren: 0664/ 887 36 462
  • Kinder- und Jugendhilfe: 01/ 4000-8011
  • 24-Stunden-Hotline der Wiener Schulen: 0676/ 531 32 42.
  • Weisser Ring: 0800/ 112 112 (rund um die Uhr)
  • Ö3 Kummernummer: 116 123
  •  Psychosozialer Dienst: 01/ 31330
  • BÖP Helpline: 01/504 8000