Das Coronavirus hat unseren Alltag auf den Kopf gestellt. Der zweite Lockdown ist da. Schulen und Kindergärten befinden sich zwar im Notbetrieb. Kleinkinder-Spielgruppen fallen aus, Mutter-Kind-Cafès sind geschlossen und Home-Office gehört in vielen Firmen zur neuen Normalität. Viele Familien empfinden diese Situation als eine Herausforderung. Kinder spüren das. Wie können Eltern reagieren, wenn Kinder Angst vor dem Coronavirus haben? Wie kann man mit Spannungssituationen innerhalb der Familie umgehen? Ich habe mit Lebens- und Sozialberaterin Mag.a Barbara Grütze gesprochen.


Welche Rolle spielen Routinen wie ein geregelter Tagesablauf für Kinder in der derzeitigen Situation?

Rituale wie gemeinsame Mahlzeiten, eine Gute-Nacht-Geschichte oder gemeinsame Kaffee-/Kakaopausen geben gerade kleineren Kindern Sicherheit und Halt. Und das ist in schwierigen Zeiten wichtig, denn sie vermitteln Kindern, dass sie sich auf gewisse Dinge immer verlassen können.

Genauso wichtig ist aber eine gute Portion Leichtigkeit für eure Familie (das „try and error“-Prinzip). Diese Situation ist für uns alle (wieder) neu, wir müssen sie nicht von Anfang an „perfekt“ meistern, wir dürfen Verschiedenes austesten, verwerfen, beibehalten. Wir dürfen auch erstmal planlos sein – das alles ist in Ordnung und gehört zum Leben und zu solchen herausfordernden neuen Situationen dazu.

Eltern müssen nicht immer einen Fahrplan haben. Im Gegenteil!

Was würdest du empfehlen?

Setzt euch mit euren Kindern an einen Tisch und entwerft gemeinsam einen Plan für euch. Wer braucht wann wie oft den Laptop? Wer braucht wann besonders viel Ruhe, um sich zu konzentrieren?

Manche Jugendliche profitieren beispielsweise gerade von der Freiheit, dass sie sich im Distance Learning ihren Tag autonomer einteilen können. Da wäre es sogar kontraproduktiv, auf eine gleichbleibende Struktur zu pochen. Jugendliche schlafen aufgrund ihrer Hormone generell schwerer ein und wachen später auf. Die Schule beginnt für viele eigentlich zu früh. Im Distance Learning können viele etwas länger schlafen, und das ist gut so. Das „matcht“ ihren Rhythmus und ist eine Chance. Hier könnt ihr also ruhig gemeinsam individuell schauen, was euch und euren Kindern guttut, was ihr jetzt braucht.

Was gilt es bei solchen Gesprächen zu beachten?

Wichtig dabei ist, dieses Gespräch auf Augenhöhe zu führen, wirklich zu fragen; „Was brauchst du? Wie möchtest du arbeiten? Wie teilst du dir deine Zeit ein? (Wie) soll ich dich erinnern? Brauchst du Unterstützung von mir?“

Das bedeutet ein Weggehen von Ich-weiß-wie-es-geht, hin zu einem offenen, verständnisvollen Gespräch, in dem ihr versucht, die für euch beste Lösung zu finden (liebevoll nach dem „try and error“-Prinzip).

Was kann man tun, um etwaige Spannungssituationen zu vermeiden?

Geduld, Geduld, Geduld, gemeinsame Gespräche und der Dialog.

Corona macht etwas mit uns und unseren Kindern. Es ist total normal, dass wir und sie jetzt vielleicht unausgeglichener, ängstlicher, wütender, anhängliche usw. sind. Umso wichtiger ist es, dass wir als Eltern gut für uns sorgen, damit wir, trotz allem, Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlen, Ruhe bewahren und Vertrauen geben können.

Was kann dabei helfen?

Hier hilft es zum Beispiel, in die Achtsamkeit zu gehen. Öfters am Tag für einige Sekunden in sich hineinzufühlen, sich zu fragen: Wie geht es mir eigentlich? Welche Sorgen sind da? Welche Gedanken? Was kann ich mir heute Gutes tun?

Wenn wir voller Freude in den Tag starten, wenn wir achtsam mit uns umgehen, uns Auszeiten nehmen, Kraft tanken, dann können wir besser auf die Bedürfnisse unserer Kinder reagieren und können auch bei Streit und Wutanfällen ruhig bleiben und ihnen dadurch Halt und Sicherheit geben.

Wenn ihr zu zweit seid: schenkt euch Auszeiten. Schenkt dem anderen einen Spaziergang im Wald, einen Kaffee, der in Ruhe und warm getrunken werden kann. Seid ein Team.

Wenn es uns gut geht, beugt das schon viele Spannungen vor, lässt sie gar nicht erst entstehen und/oder gibt uns die Möglichkeit, ruhig und liebevoll damit umzugehen, wenn sie da sind.

Hast du weitere Tipps?

Auch sich gemeinsame schöne Momente zu schaffen, Leichtigkeit zu leben, den „Scheinwerfer“, sprich: die Wahrnehmung, auf das Positive zu richten, sich zu sagen, was ihr aneinander liebt oder wofür ihr euch dankbar seid, kann helfen, nicht in einen Negativstrudel zu geraten, der uns stresst und Energien raubt, die wir gerade so dringend für anderes bräuchten.

Bleibt in Verbindung, unternehmt gemeinsame Dinge wie Spaziergänge, Gesellschaftsspiele, Filmabende, gemeinsam lesen, gemeinsam kochen. Schafft euch viele schöne Momente.

Was, wenn es trotzdem zu Spannungssituationen kommt?

Wenn es doch zum Konflikt oder zu Spannungen kommt, empfehle ich, eure Kinder und Jugendliche mit ins Boot zu holen und miteinander zu sprechen, euch auszutauschen: Wer hat welche Ideen? Wie können wir das gemeinsam schaffen? Was stresst uns?

Wichtig ist auch hier: Eltern müssen nicht von Anfang an alles für ihre Kinder wissen, sondern können gemeinsam mit ihnen auf Lösungssuche gehen. Schon sehr kleine Kinder haben oft wahnsinnig tolle Ideen.

Kann man so alle Konflikte schlussendlich meistern?

Es gibt eine Methode, die ich Eltern und Familien, die zu mir in die Beratung kommen, für ihre Gespräche ans Herz lege. Sie ist für mich das Kernstück funktionierender, wertschätzender Beziehungen – der „Dialog“.

Im Dialog geht es darum, den anderen wahrzunehmen und zuzuhören, statt recht-haben-zu-wollen (was immer einen Machtkampf öffnet).

Der Dialog steht unter dem Motto: „Aha, so ist das für dich.“
Ich frage mein Kind beispielsweise liebevoll, interessiert und respektvoll, weshalb es die Schulaufgaben nicht gemacht hat und höre aufmerksam und aus tiefstem Herzen zu, was als Antwort kommt („Aha, so ist das für dich.“). Nur wenn ich wirklich hinhöre und verstehe, worum es ihm geht, kann ich versuchen, gemeinsam mit meinem Kind eine funktionierende Lösung zu finden.

Gibt es dabei etwas zu beachten?

Das Dialoge-führen wird uns leider nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil. Daher fallen wir gerade in anstrengenden oder stressigen Situationen schnell wieder ins Vorwurf-machen und Argumente-sammeln zurück. Hier braucht es auch Geduld mit uns und vor allem auch die oben erwähnte Selbstfürsorge, liebevoll, geduldig mit uns sein.

Grundsätzlich gilt aber: Konflikte sind nicht schlimm, sie gehören zum Familienleben dazu. Vor allem, wenn alle viel zu Hause sind. Schlimm ist es nur, wenn daraus ein ständiger Machtkampf wird, denn das schädigt auf Dauer die Beziehung zwischen uns und unserem Kind. Bei vielen Themen rate ich daher auch hier zur Leichtigkeit. Was ist mir als Mama oder Papa wirklich wichtig? Dass mein Kind im Distance Learning alle Hausübungen macht, obwohl das Pensum vielleicht eh viel zu hoch ist, oder dass ich mir meine liebevolle, vertrauensvolle Beziehung zu meinem Kind bewahre und wir gemeinsam durch diese Krise kommen?

Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihr Kind über Langeweile klagt?

Langeweile ist erstmal nichts Schlechtes, wir haben nur verlernt, sie zu genießen. Aus Langeweile kann so viel entstehen: Kreativität, Zeit für etwas, das man immer schon mal machen wollte, neue Hobbys.

Ich bin ein Fan von Mikroabenteuer und schreibe dazu immer wieder Ideen auf meiner Facebookseite. Vieles davon, eigentlich fast alles, lässt sich im Lockdown machen: Kinoabend mit Popcorn, gemeinsam eine Geschichte schreiben (jeder liefert immer einen Absatz), gemeinsam ins „Fitnesscenter“ aka Wohnzimmer gehen, Matte ausrollen, Youtube-Sportvideo an, danach einen gesunden Smoothie zubereiten, „Thermenausflug“ in der heimischen Badewanne und gegenseitige Massage.

Was hilft sonst noch?

Gerade jetzt, wo wir eh so wenig „angesprochen“ werden, ist es auch sehr schön, rauszugehen – egal bei welchem Wetter – und uns von der Natur inspirieren zu lassen. Gerade kleine Kinder können sich wahnsinnig lange damit beschäftigen, alles zu erfühlen und zu ertasten: weiches Gras, raue Äste, stachelige Tannenbäume, glatte Kastanien. Nehmt die Farben in der Natur wahr, sammelt Materialien für Deko, Gläser oder Basteleien.

Ihr könnt auch gemeinsam ein Plakat gestalten und immer wieder neu/ergänzend befüllen, mit Dingen, die ihr während des Lockdowns machen könnt – bestimmt kommen ganz tolle Ideen, gerade auch von euren Kindern.

Und ein zweites Plakat mit Dingen, die ihr nach dem Lockdown gerne tun würdet. Auf was freut ihr euch schon? Das gibt Kraft und positive Energien.

Was ich für uns Eltern immer schön finde: Mach jeden Tag was Neues (ohne, dass es dich überfordert). Also seit Jahren mal wieder schaukeln, ein altes Instrument vom verstaubten Dachboden holen, eine Mini-Kurzgeschichte schreiben, ein neues Rezept ausprobieren. Das schafft auch wieder neues Selbstvertrauen und neue Lebensfreude und gibt uns das Gefühl zurück, etwas Spannendes zu erleben.


Mag.a Barbara Grütze ist dipl. Lebens- und Sozialberaterin, familylab-Beraterin und zertifizierte Theaterpädagogin. Sie arbeitet mit großer Freude als beziehungs-, bindungs- und bedürfnisorientierte Beraterin für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in eigener Beratungspraxis (1220 Wien) und ist selbst Mama einer kleinen Tochter.

Kontakt:
Web: www.beziehungsvoll.at
E-Mail:  kontakt@beziehungsvoll.at
Mobil: +43 664 25 10 298

 


Püppis Lieblinge

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