Das Coronavirus hat unseren Alltag auf den Kopf gestellt. Aufgrund des Lockdowns befinden sich Kindergärten im Notbetrieb. Schulen sind seit fast zwei Wochen auf Distance-Learning umgestellt, Mutter-Kind-Cafès sind geschlossen und Home-Office gehört in vielen Firmen zur neuen Normalität. Viele Familien empfinden diese Situation als eine Herausforderung. Kinder spüren das. Wie können Eltern reagieren, wenn Kinder Angst vor dem Coronavirus haben? Wie kann man mit Spannungssituationen innerhalb der Familie umgehen? Ich habe mit Lebens- und Sozialberaterin Mag.a Barbara Grütze gesprochen. Hier der zweite Teil des Interviews (Teil 1 gibt es hier).


Wie kann sich die Krise auf Kinder bzw. Jugendliche auswirken, die eher labil sind? Wie kann man sie unterstützen?

So eine Krise kann vorhandene Problematiken noch verstärken. Es ist daher besonders wichtig, Kinder und Jugendliche liebevoll durch diese Zeit zu begleiten, sie zu unterstützen, Raum und Zeit für Gespräche zu ermöglichen und, so gut es geht, alles zu vermeiden, was zu noch mehr Belastungen und Druck führt. Also keinen zusätzlichen Schul- oder Lernstress machen, keine Machtkämpfe zuhause führen, vielleicht etwas mehr Nachsicht, als sonst. Nehmt den Druck raus, so gut es geht. Die Situation ist für uns alle schwer.

Auch hier gilt: schafft euch schöne Momente, Momente in denen ihr der Krise auch etwas Gutes abgewinnen könnt, weil ihr zum Beispiel mehr Zeit füreinander habt, endlich einmal wieder etwas spielen oder gemeinsam kochen könnt – was immer euch als Familie Spaß macht. Gemeinsame Unternehmungen ermöglichen wiederum offene, ungezwungene Gespräche.

Habt ein offenes Ohr für die Probleme eurer Kinder, tut Dinge nicht ab, die ihnen wichtig sind („Na geh, du siehst deine Freunde ja eh bald wieder, das ist ja nicht so schlimm“). Für Kinder und Jugendliche ist es tatsächlich schlimm, ihre Freunde so lange nicht zu sehen, das ist ein großer und wichtiger Teil ihres Lebens.  Zeigt ihnen Verständnis, zeigt ihnen, dass ihr für sie da seid, und dass es euch vielleicht auch manchmal so geht. Vielleicht könnt ihr auch gemeinsam überlegen, ob es eine Lösung gibt – bei größeren Kindern vielleicht Gespräche über Zoom/ Skype, bei kleineren Kindern vielleicht Fotos von Freunden, aber auch Familienmitgliedern, die sie vermissen (Oma, Opa), ins Zimmer hängen. Werdet gemeinsam kreativ.

Inwieweit kann von Kindern und Jugendlichen Verantwortungsbewusstsein eingefordert werden?

Kinder können aufgrund ihres jungen Alters die Situation trotz aller Erklärungen noch nicht richtig einschätzen.
Auch Jugendliche tun sich schwer, denn in der Pubertät ist die Fähigkeit, Konsequenzen für ihr Tun abzuschätzen durch die „Umbauarbeiten“ im Gehirn stark vermindert. Sie sind ungewollt leichtsinniger. Das bedeutet, wenn Jugendliche vergessen, einen MNS zu tragen oder sich die Hände zu desinfizieren, meinen sie es meistens nicht böse.

Wir Erwachsenen sollten sie geduldig und freundlich daran erinnern, das Gespräch suchen, gegebenenfalls nochmal erklären, warum diese Maßnahmen wichtig sind.
Denn gerade bei Jugendlichen, aber auch schon bei Kindern, ist das (altersgerechte) Informieren, ein Risikobewusstsein zu schaffen, ohne ihnen Angst zu machen, sehr wichtig. Wenn unsere Kinder den Sinn von Corona-Regeln verstehen, ist es wahrscheinlicher, dass sie sie befolgen oder an sie denken. Jedoch sind auch wir nicht Allwissend, die Corona-Regeln ändern sich je nach Wissensstand und aktueller Lage. Auch das kann man – gerade Jugendlichen – schon transparent kommunizieren. Wir sind alle zum ersten Mal in dieser Lage und versuchen uns, bestmöglich zu schützen.

Ich bin immer ein Fan davon, Kinder und Jugendliche, wenn möglich, in Regelungen miteinzubinden. Vielleicht findet sich in eurer Familie die ein oder andere Situation, wo eure Kinder altersadäquat mitbestimmen dürfen, welche Corona-Regeln aufgestellt werden. Wie werden wir beispielsweise die Advent- und Weihnachtszeit gemeinsam gestalten? Welche Regeln gibt es, wenn nach dem Lockdown Verwandte und Freunde zu Besuch kommen wollen? So ein Diskurs bezieht alle mit ein, Kinder werden gesehen und ernstgenommen und verstehen dann besser, wie es zu manchen Entscheidungen der Regierung kommt.

Wie können Eltern reagieren, wenn Kinder Angst vor dem Coronavirus haben?

Auf jeden Fall die Angst der Kinder ernst nehmen, nicht abtun („Das ist nicht so schlimm“).

Ängste werden größer, wenn wir sie ignorieren oder nicht wahrhaben wollen. Stattdessen ist es sinnvoll, unsere Ängste anzunehmen, hinzuschauen, was dahintersteckt (z.B. die Angst einen lieben Menschen zu verlieren) und dann zu überlegen: wie gehe ich jetzt damit um?

Ergänzend (nicht ersatzweise!) kann es sehr bereichernd sein, den Scheinwerfer bewusst auch auf Positives zu lenken, also beispielsweise mit Kindern abends zu besprechen: Was war heute schön? Wo ist es dir gut gegangen? Was ist dir heute gelungen?

Generell steht gerade so viel Negatives im Fokus unserer Aufmerksamkeit, dass uns Positives gar nicht mehr so auffällt. So geht es vielleicht auch unseren Kindern.

Unsere Kinder bekommen viel von unserer Stimmung mit, übernehmen viel davon. Daher ist es auch wichtig, dass wir Eltern uns mit unseren Ängsten auseinandersetzen, diese liebevoll annehmen und lernen, achtsam und bewusst mit ihnen umzugehen. Wenn wir Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung ausstrahlen, übernehmen das auch unsere Kinder.

 Familien sind nun (erneut) längere Zeit zusammen. Bei all den Herausforderungen kann das nicht auch eine große Chance sein?

Auf jeden Fall! Es ist eine wahnsinnige Chance, zu wachsen.

Wir verbringen jetzt viel Zeit miteinander und das bringt oft Themen hoch, die sonst auch da sind, aber leichter ignoriert werden können.

Wenn wir diese Themen jetzt gemeinsam angehen, in einer Familienberatung oder in gemeinsamen Gesprächen, ist das eine unheimliche Chance, sich gemeinsam weiterzuentwickeln und mehr Leichtigkeit und Fülle in unser Leben zu bekommen.

Krisen bieten immer die Chance, an und in ihnen zu wachsen, gestärkt daraus hervorzugehen.


Barbaras Buchtipps:


Mag.a Barbara Grütze ist dipl. Lebens- und Sozialberaterin, familylab-Beraterin und zertifizierte Theaterpädagogin. Sie arbeitet mit großer Freude als beziehungs-, bindungs- und bedürfnisorientierte Beraterin für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in eigener Beratungspraxis (1220 Wien) und ist selbst Mama einer kleinen Tochter.

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