Medien wie Fernsehen, Computer und Internet, Smartphones und Tablets sind ein Bestandteil unseres Alltags geworden. In fast allen Haushalten gibt es entsprechende Geräte. Ganz selbstverständlich werden viele davon regelmäßig genutzt – auch oft neben den Kindern. Doch welche Gefahren sind damit verbunden? Oder können Medien auch positiv für die Entwicklung sein? „Wichtig ist es vor allem, die Kinder dabei zu unterstützen, selbstständig mit den Medien umgehen zu können“, so Kinder-, Jugend-, Eltern- und Familienberaterin Barbara Grütze.

Hier eine Abschrift des Interviews:

Können Babys von Medien reizüberflutet werden?

Ja, das ist möglich und die große Gefahr. Man muss sich das so vorstellen: Die Gehirne von kleinen Kindern oder Babys können Reize nicht so gut ausblenden und nicht so gut verarbeiten wie Erwachsene. Das heißt, alle Reize, die sie so vorfinden, dringen erstmal ungefiltert in das Baby- oder Kleinkind-Hirn ein. Das haben wir nicht nur bei Medien. Auch Kindergarten-Tage können etwa für Kinder sehr anstrengend sein, einfach weil es so viele Reize sind. Aber die Medien transportieren eben sehr schnell sehr viele Reize. Wie etwa Kindersendungen, die schrill bunt und laut sind, oder mit ganz vielen Schnitten, die sich abwechseln. Das ist wahnsinnig anstrengend und auch zu viel für die kleinen Kinder.

Woran merkt man eine Überreizung?

Die Kinder sind eben gereizt. Sie bekommen sehr leicht Wutausbrüche oder zeigen andere starke Gefühle wie etwa Weinen bei Babys. Ein typisches Anzeichen für Reizüberflutung ist etwa das 18-Uhr-Weinen. Deswegen empfiehlt man auch: Keine nicht-interaktiven Medien vor drei Jahren, um genau das vorzubeugen.

Gerade in Zeiten von Corona greift man auch immer öfters zum Handy zwecks Videotelefonie oder verabredet sich via Zoom etwa mit Freunden oder Familienmitgliedern. Ist es schädlich für das Kind, wenn es hier mit dabei ist und zum Beispiel mit Oma und Opa skypt?

Nein. Da kann man die Kirche ruhig im Dorf lassen. Es ist gerade eine Zeit, in der Kommunikation halt sehr oft nur durch Medien möglich ist, eben wegen der Pandemie. Wenn man mit der Oma sprechen möchte, ist das oft wirklich nur per Videotelefonie möglich. Und im Prinzip ist das ja auch etwas Interaktives. Man lacht etwa in das Handy und die Oma lacht zurück. Oder man sagt ‚Hallo, Oma!‘ und sie reagiert darauf. Wenn man das nicht fünf oder sechs Stunden am Tag macht, dann ist das wirklich kein Problem.

Eine Reizüberflutung findet hier grundsätzlich nicht statt. Wichtig ist aber immer, sein Kind zu beobachten, da Kinder einfach komplett unterschiedlich auf Reize reagieren. So gibt es etwa sensiblere Kinder, die schneller zu viel von Reizen haben, oder gar hochsensible Kinder, wo oftmals schon das Radio zu viel Reiz sein kann. Die tun sich dann mit 15 Minuten Videotelefonie wahrscheinlich auch schwer.

Apropos 15 Minuten. Viele Mütter wünschen sich zwischendurch einfach einmal 15 Minuten Ruhe und drehen den Kindern zur Unterhaltung währenddessen den Fernseher auf. Ab welchem Alter ist das okay?

Ab drei Jahren kann man das durchaus manchmal machen. Ich habe in meiner Beratung jedoch auch Mamis und Papis, die einfach fertig sind und wo das Kind unter drei Jahren ist. Da muss man dann einfach abwiegen: Was ist sinnvoller? Wenn ich den Fernseher ab lasse, oder wenn ich es 10 oder 15 Minuten kurz fernsehen lasse, selber durchatmen kann, um mich dann wieder meinem Kind widmen zu können. Geschwisterkinder schauen oft auch viel früher schon bei den größeren mit. Das kann man meist gar nicht verhindern. Es geht immer darum, dass es keine Regelmäßigkeit wird. Also, dass es normal ist, dass ich mein Kind vor den Fernseher packe, damit ich meine Ruhe habe.

Warum genau ab drei Jahren?

Aus Forschungen und Studien wissen wir – das hat mit der Gehirnentwicklung zu tun – dass sie dann Reize ein bisschen besser aufnehmen und verarbeiten können. Deswegen ist das magische Alter hier drei. Ich persönlich bin jedoch gar kein Fan von Altersangaben. Jedes Kind ist unterschiedlich, wie jeder Elternteil und jede Situation.

Wie ist das mit Stillen, wenn der Fernseher nebenbei läuft? Ist das okay oder wird davon abgeraten?

Da spricht gar nicht so viel dagegen. Beim Stillen, oder eben auch beim Fläschchengeben, ist das Kind mit dem Kopf zur Mutter oder zum Vater gewandt, nicht zum Fernseher. Es sieht, riecht und spürt die Mama oder den Papa. Das Einzige, was es vom Fernseher mitbekommt, sind die akustischen Reize. Also die Lautstärke, die Stimmen oder die Musik. Das ist nicht viel anders, als wenn ich mit meinem Baby im Restaurant bin oder mit der U-Bahn fahre. Auch hier gilt aber: Auf das Kind achten und schauen, wie es reagiert. Ein guter Indikator, dass es zu viel ist, ist etwa das oben erwähnte 18-Uhr-Weinen.

Bei manchen Familien ist es Usus: Mit dem Essen kommt auch das Handy oder Tablet auf den Tisch, damit das Kind ruhig auf seinem Sessel sitzen bleibt.

Als Elternberaterin finde ich das nicht empfehlenswert, weil es ja auch um das gemeinsame Essen beziehungsweise die gemeinsame Zeit geht, die man beim Essen miteinander verbringt. Das von Anfang an mit einem Handy oder Tablet zu verknüpfen, ist nicht ratsam. Wenn es mal nicht anders geht, dann ist es okay, aber es soll nicht zur Regel werden. Ich bin aber eher Fan davon, sich zu überlegen, wie man das gemeinsame Essen für die Kinder spannend gestalten kann.

Kann sich der Handygebrauch neben dem Kind negativ auf die Mutter-Kind-Beziehung auswirken?

Ja. Auf die Mutter-Kind-Beziehung, aber natürlich auch auf die Mutter-Papa-Beziehung. Babys und kleine Kinder suchen permanent den Blick von Mutter oder Vater, um eine Rückmeldung für ihr Verhalten zu erhalten und die Bestätigung zu bekommen, dass alles okay ist. Und jedes Mal, wenn man den Blick nicht erwidert, etwa weil man ins Handy schaut, ist das ein verlorener Bindungsmoment. Wenn das ein, zwei Mal passiert, ist das okay. Aber wenn man den ganzen Tag am Handy hängt, dann verpasst man einfach wirklich viele Momente.

Dazu kommt, das Modell-Lernen. Kinder lernen ja vor allem an Modellen, also vorrangig von den Eltern.

Kann sich Fernsehen auf die Intelligenz von Kindern auswirken?

Es gibt tatsächlich Studien, die das unterstreichen – aber vor allem im Bezug auf die Noten, also die Schulleistung. Ich glaube aber, es kommt auf das Gesamtpaket an. Kinder, die sehr früh sehr viel vor dem Fernseher geparkt werden, haben oft Eltern, die sich meist – weshalb auch immer – nicht so viel um ihre Kinder kümmern oder diese nicht fördern können. Und das in Kombination mit dem vielen Fernsehen kann dann eben, wie auch Studien belegen, zu Konzentrationsschwächen oder schlechteren Noten führen.

Gibt es auch positive Aspekte im Bezug auf Kinder und Mediennutzung?

Ja! Es gibt ganz viele positive Aspekte! Unsere Kinder wachsen so auf und es ist ihre Zukunft. Es macht also keinen Sinn, ihnen Medien grundsätzlich zu verbieten oder diese zu verteufeln. Es steckt da ja auch jede Menge Empowerment dahinter. Kleine Kinder können von ihrem Alter entsprechenden Videos lernen. Es gibt eine Vielzahl an tollen Lernvideos, auch in Englisch etwa, zur Spracherweiterung. Es gibt tolle Apps, tolle Fernsehsendungen. Auch Computerspiele können ganz viele Kompetenzen fördern. Also so lange es auch noch etwas anderes gibt, was mein Kind macht, außer Medien zu nutzen – also raus zu gehen, Freunde zu treffen, die Welt zu erforschen – können Medien wirklich eine Bereicherung sein.

Wichtig ist auch die Kinder dabei zu unterstützen, selbstständig und verantwortlich mit den Medien umgehen zu können. Ihnen eine Medienkompetenz zu vermitteln. Das geht mit einem dreijährigen Kind wahrscheinlich noch nicht so gut, aber sobald sie in die Schule kommen. Darin impliziert: Handyfreie Zeit, Computer-Spielzeiten und vieles mehr. Also sehr früh schon eine Eigenverantwortung entgegenzubringen und den Kindern auch etwas zuzutrauen.


Mag.a Barbara Grütze ist diplomierte Lebens- und Sozialberaterin, familylab-Beraterin und zertifizierte Theaterpädagogin. Sie arbeitet mit großer Freude als beziehungs-, bindungs- und bedürfnisorientierte Beraterin für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in eigener Beratungspraxis (1220 Wien) und ist selbst Mama einer kleinen Tochter.

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